Murphy's Law
Im Herbst 2008 ereilte mich während einer Trainingsfahrt mit dem Rennrad
ein ziemlich aufgebrachter Anruf einer guten Freundin aus meinem
Heimatörtchen. Ich drückte gerade „auf Zeit“ die Serpentinen zu meinem
Domizil hoch, aber als ich den Anruf entgegennahm, war ich weniger
atemlos als diese selbst.
„Sunny“, japste sie, „ich habe gerade das Pferd gekauft!“
Irgendwie spürte ich, dass sich mein Leben fortan ein wenig anders
gestalten würde, ballerte die letzten Kilometer hoch nach Hause und flog
bei ihr ein, die immer noch, das Telefon in Reichweite, wie paralysiert,
mit glasigen und ausdruckslosen Augen im Raum stand, als wisse sie
selbst nicht, warum sie dort steht.
Warum also dieser emotionale Ausbruch mit Schock-Symptomen, nur weil ein
Pferd gekauft wurde?
Zur Erklärung:
-
Das hier ist Lützel. Und in Lützel ist jedes Lebewesen ein
Familienmitglied. (auch ich zähle mich dazu) Im Grunde hätte sie auch
ganz unvermittelt Drillinge kriegen können. Ausmaß und Auswirkung auf
unser aller Leben wäre da adäquat gewesen. Das erklärt dann doch die
Luftnot und den starren Blick.
- Meine Freundin ist keine erfahrene Pferde-Trainerin.
- Sie leidet unter einem posttraumatischen Angstsyndrom, seitdem
sie beim Reiten unliebsame Erfahrungen mit der Gravitation gemacht
hat…sie hat wirklich echte, beim Reiten, oder beim Umgang mit dem Pferd,
Körper und Gedanken beherrschende Ängste, was die augenblickliche
Situation erklärt, aber auch nicht einfacher macht.
- Sie ist der Inbegriff der Gutmütigkeit
- Sie hat ein rohes Jungpferd gekauft
- Pferde sprechen eine prompte, direkte, klare,
unmissverständliche Sprache - die Körpersprache, die dann und wann auch
schon mal etwas schmerzhaft sein kann. Pferde „lesen uns“ wie ein Pferd,
um uns zu verstehen und um mit uns zu kommunizieren.
- dafür bedarf es, insbesondere beim Ausbilder junger Pferde, der
Kenntnis der Pferdesprache und einer gewissen Erfahrung
- die sie nicht hat(te).
- ich aber
- eigentlich wollte sie mich anrufen, um noch einmal die Bedenken
zu bereden und abzuwägen, ob es sinnvoll sei, ein junges ungelerntes
Pferd zu kaufen, hatte aber versehentlich(?) die Nummer der Verkäuferin
gewählt, statt meiner und „ohne nachzudenken“ einfach gesagt „ich kaufe
das Pferd“. Erst nach dieser Kaufzusage erinnerte sie sich meiner
Handy-Nummer und wählte mich an…
So begann mein wiederaufgenommenes Dasein als „Pferde-und
Menschen-Zusammenbringer“ an jenem Tag 1, als wir beide uns schnaufend
gegenüberstanden, nachdem mich ihr Anruf ereilte und ich wie ein Notarzt
im Einsatz die Serpentinen hochjagte, um Erste Hilfe zu leisten…
Pferde-Ängsten zu begegnen kenne ich, aber nun hieß es Menschen-Ängsten
zu begegnen und mit in die Pferdeausbildung einzubinden.
Ich betrachtete das als Chance.
Für meine Freundin.
Für ein glückliches Leben mit Pferd.
Für die Erfüllung eines Mädchen-Traumes, der sie schon so lange
begleitet.
Für das Ausleben eines
Traumes und
für das Beheben eines Traumas.
Ja. Einfach nur JAAAA! Ran an die Klamotte.
Das erste Ausbildungsjahr haben wir mittlerweile durchlebt und erlebt.
Die Wintermonate wurden
sozusagen zur Benimmschule. Schließlich bildeten wir statt seiner Herde
nun das Sozialgefüge des jungen Pferdes und mussten deren Aufgabe, die
Erziehung, ebenfalls übernehmen. Gleichzeitig begann ich mit der
Gewöhnung an Sattel und Gebiss und der Akzeptanz ein Reitergewicht auf
dem Rücken zu fühlen. Desensibilisierung in alle Richtungen. Die
Sommermonate füllten den zweiten Teil der Ausbildung, (siehe Bilder) in
der alle gefordert wurden und lernen mussten.
Für meine Freundin sicher ein intensives und anstrengendes
Auseinandersetzen mit zitternden Knien, Schweißausbrüchen, Denkblockaden
(„Sunnnyyyyy!!!???“ –„hey, das heißt ‚eeeaaaasyyy’, nicht Suuuunnnyyyy!!!“),
punktuellen Schockzuständen und immer wieder Überwindungen, Hoffnung und
Hoffnungslosigkeit, Zuversicht und stets der Versuchung erlegen,
Angstsituationen an Sunny abzugeben…
Für mich als Lehrerin, Pferdeausbilderin, Freundin und Begleiterin war
es auch stets eine Versuchung, alles alleine durchzuziehen und sie nicht
immer wieder ihren Ängsten auszusetzen.
Aber die Zielsetzung verbot diese Bequemlichkeit und ich verlangte mir
ab eine strenge und unerbittliche Chefin zu mimen.
Hier ging (und geht) es nicht nur um eine Pferdeausbildung, hier geht es
um sie und um das Heranrücken ihres Kindheitstraumes!
(Hilfsmittel wie Führkette und Gerte dienten nicht dem Einsatz am
vierbeinigen Schüler, sondern waren psychologisches Hilfsmittel für
meine zweibeinige Schülerin, die -so ausgerüstet-
wesentlich entspanntere Signale ans Pferd vermitteln konnte.
Mittlerweile konnte diese Ausrüstung zum Spielzeug für die Stallkatze
umfunktioniert werden! )
Da Lützel ja, wie bereits erwähnt, eine Familie ist, waren (und sind)
wir drei nicht die einzigen Protagonisten in diesem Jahres-Schauspiel:
Zwei Teenager, deren Mutter, und Pferd Bonny waren und sind tief
verstrickt in dieses Geflecht.
Bonny ist Murphys (so
wurde das aus Irland importierte Tinker-Tier getauft) Stall-und
Weide-Genossin. Eine souveräne, ältere Dame mit dem Charme einer
Knuddel-Maus, die jedoch weder Schmusen schick findet, noch dem Spielen
irgendetwas abgewinnen kann. Sie ist hübsch und führt ein intensives
Zusammenleben mit den dreien und Murphy.
So nahm ich die beiden Mädchen mit ins Programm, lehrte sie die
Grundbegriffe des pferdigen Miteinanders, damit das junge Pferd eine
verständliche Sprache geliefert bekommt und es nicht zu
Verständigungs-Schwierigkeiten in der Pferde-Ausbildung kommt.
Nachdem Murphy soweit war, dass er alle Stimmkommandos umzusetzen
vermochte, waren die Mädchen dran. Sie begriffen ohne Weiteres, dass die
Körpersprache die der Pferde ist und die Stimme lediglich ein
Hilfsmittel. Das ist für den Umgang und einem gelungenen Miteinander mit
dem Tier das A und O.
Meine Freundin, mit ihrem (liebenswerten) zurückhaltenden Wesen, musste
diesen „Auftritt“ vor ihrem kraftstrotzenden jungen Wilden erst noch
lernen.
Unzählige Foto-Dokus und Videos, die ich während unserer Arbeit machte,
zeugen von Ihren Lernphasen und hinterließen bei ihr den ein und anderen
„Aha-Effekt“.
Bilder
kann man schließlich angstfrei betrachten und in Ruhe analysieren.
Da funktioniert das Denken ohne Angst-Blockaden. Zudem machen die Fotos
unmissverständlich deutlich, wie man sich mit seinem Pferd bewegt.
(klein und geduckt vor dem Pferd stehend, die Schultern nach vorne
eingeklappt, mit leiser, bittender Stimme ein Pferd zum Rückwärtstreten
aufzufordern, dass weder Lust dazu hat, noch irgendeinen Grund dafür
erkennt, geschweige denn seine Aufmerksamkeit auf einen lenkt, waren
anschauliche Beispiele)
So kam es, dass ich es in unseren Lehrstunden nicht nur bei dem
Praktischen beließ, sondern wir uns regelmäßig zur Analyse der Arbeit
zusammensetzten und so letztendlich mit Hilfe der erstellten Bilder ein
schönes Lehrprogramm entstand. (und ich meinen Kaffee-Konsum erheblich
erhöhte)
Ich lasse nun die Bilder sprechen. Viel Spaß beim Eintauchen in die
Story, die da heißt
MURPHY'S LAW
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